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Erinnerungen – Zu Besuch im Archiv des Lebens

Wie Jahresringe sammeln wir Erinnerungen unseres Lebens. Foto: FWStudio (Pexels)
Wie Jahresringe sammeln wir Erinnerungen unseres Lebens. Foto: FWStudio (Pexels)

„Erinnerungen sind datengestützte Erfindungen“


Unser Gedächtnis ist zwar kein Archiv im herkömmlichen Sinne, aber es enthält Unmengen von Informationen und Erinnerungsspuren aus unserer Vergangenheit. Nicht alles ist gleich wichtig. Bedeutend für unsere Gegenwart und Zukunft sind vor allem die autobiografischen Erinnerungen. Sie sind ein Fundus, aus dem wir unsere Motivation und unser Selbstverständnis immer wieder neu schöpfen. Das menschliche Gedächtnis gibt uns die Fähigkeit Personen und Dinge wiederzuerkennen um so bewusst zwischen bereits bekannten Ereignissen und neuen Informationen unterscheiden zu können. Die Überlagerungen und Wechselwirkungen er unterschiedlichen Erinnerungsmechanismen und Bewusstseinsinhalte sind sehr komplex.

 

Vereinfacht gesagt speichert das Gehirn Sacherinnerungen - beispielsweise an den Ort oder das Erlebnis - woanders ab als die Emotionen. Der Gedächtnisinhalt ist im Hippocampus abgelegt und das Gefühl in der Amygdala. Gedächtnis beschreibt die Fähigkeit neue Informationen im Gehirn abzuspeichern und wieder abrufbar zu machen. So werden Erlebnisse verinnerlicht - in Erinnerung überführt.

 

Eine einheitliche allgemein akzeptierte Klassifikation der Teilfunktionen des Gedächtnisses gibt es nicht. Zu komplex sind die Überlagerungen und Wechselwirkungen der unter- schiedlichen Erinnerungsmechanismen und Bewusstseinsinhalte. Als praktisch hat sich die folgende Einteilung erwiesen: Das episodische Gedächtnis reproduziert unsere Lebenserfahrungen in Szenen, Bildern und Erzählungen. Es ist „autonoetisch“, das bedeutet, es erfasst das Wissen über uns selbst. Das autobiografische Gedächtnis ist ein Teil des episodischen Gedächtnisses. Für diese Form gilt in besonderem Maße, was Gehirnforscher Wolf Singer so formulierte: „Erinnerungen sind datengestützte Erfindungen.“ Das semantische Gedächtnis ist „noetisch“ und beinhaltet unser Wissen über Sachverhalte, Namen, Daten und Fakten. Das semantische und das episodische Gedächtnis bilden zusammen das explizite Gedächtnis: das Know-what. Das prozedurale Gedächtnis ist „anoetisch“ und beinhaltet das implizite Wissen, über das wir gewöhnlich nicht reflektieren müssen: das Know-how. Es besteht aus unseren Reiz-Reaktions-Mustern und erlernten Fähigkeiten und Automatismen, die auch ohne episodisches oder semantisches Wissen funktionieren: Fahrrad oder Auto fahren, Geige spielen, Kopfrechnen (Erinnern wir uns allerdings daran, wann, wo und unter welchen Umständen wir etwas gelernt haben, bedienen wir uns am autobiografisches Wissen).

 

Diese Datenspeicherung ist eine synchrone Aktivierung von Neuronen, wobei den Neuronen eine besondere Relevanz zukommt, weil sie die Bedeutung einer Wahrnehmung repräsentieren. Erinnerungen treten dann auf, wenn im Gehirn ein bestimmtes neuronales Aktivitätsmuster entsteht, das als Reaktion auf ein bestimmtes Ereignis generiert wurde - und dem ähnelt, das bei der Gedächtnisbildung entstand. Das geschieht über äußere Reize wie Stimmungen, Gerüche und Orte. Auch Fotografien helfen dem Gedächtnis auf die Sprünge.

 

Wir sind Augentiere

Wie das bewusste Abrufen von Erinnerungen gehirntechnisch funktioniert ist aber noch nicht im Detail geklärt. Warum Bilder? Wenn wir uns erinnern, zeigt uns unser Gedächtnis fast immer stationäre Bilder, fand der Gehirnforscher Ernst Pöppel heraus. Klar ist, Menschen sind Augentiere: Bilder dominieren in Träumen ebenso wie in der Erinnerung. Natürlich kommt auch Sprache vor. Man hört, sagt, tastet oder riecht etwas. Es gibt Begleitwahrnehmungen. Aber das Meiste ist bildlich verfasst. Die Erklärung dafür ist eine ökonomische: Ein einzelnes Bild ist für das Gehirn viel leichter zu speichern als eine komplexe Szene. Um Szenen zu erinnern, muss das Gehirn einen sehr viel größeren Aufwand betreiben. Das kostet Energie. Weil sich über die Hälfte des menschlichen Gehirns mit der Verarbeitung visueller Informationen befasst. Das Gehirn versucht aber Energie zu sparen. 

Deshalb speichert es eher Bilder statt Szenen. Wenn wir so starke Erinnerungen abrufen, ist vor allem der sensorische Kortex beschäftigt. Dieser bearbeitet visuelle und andere Sinneseindrücke, speichert diese und ist der „Auslöser“ für Gefühle. „People will forget what you said, people will forget what you did, but people will never forget how you made them feel.“ (Maya Angelou) Der Psychologe Jefferson A. Singer hat in einem Forschungsprojekt untersucht wie sich Ärger, Traurigkeit, Angst, Furcht, Freude oder Zufriedenheit auf bestimmte Körperfunktionen auswirken, etwa auf Gehirnaktivität, Herzschlag und Blutdruck.

 

 

Das Zeitreise-Netzwerk

Als die beste Methode, bestimmte emotionale Zustände bei den Versuchspersonen herbeizuführen, erwiesen sich – Erinnerungen: Singer forderte seine Probanden auf, sich an Episoden in ihrem Leben zu erinnern, die sie sehr intensiv erlebt hatten. Er war fasziniert davon, wie heftig die bloße Erinnerung ein experimentell gewünschtes Gefühl erzeugen kann. Und er fragte sich: Warum können bestimmte Erinnerungen auch nach vielen Jahren noch starke Gemütszustände auslösen? Warum treiben sie uns auch jetzt noch Tränen in die Augen, lassen uns in Gelächter ausbrechen, machen uns immer noch und immer wieder wütend oder ängstlich oder depressiv? Singer fand heraus, dass die Emotionen, die mit bestimmten Erinnerungen einhergehen, deshalb so präsent bleiben, weil sie mit wichtigen Bedürfnissen und Zielen in unserem Leben zu tun haben. Da wir unsere größten Wünsche und Ziele im Grunde nie wirklich aufgeben, „blättern“ wir im Album unserer Erinnerungen und suchen diese kritischen Episoden immer wieder auf. Denn diese bleibenden, selbstdefinierten Erinnerungen führen uns immer wieder neu vor Augen, was wir vom Leben erwarten, wer wir wirklich sein wollen und was uns ausmacht. Diese Erinnerungen zeichnen sich durch spezielle Eigenschaften aus: Emotionale Intensität: Sie lösen oft „von null auf hundert“ starke Emotionen aus. Wenn wir selbstdefinierende Episoden unserer Vergangenheit erinnern, beschleunigen sie unseren Puls.

 

 

Malen auf der inneren Leinwand

Wir spüren wieder den Kloß im Hals wie „damals“, aber wir spüren auch die warmen Glücksgefühle in uns aufsteigen. Pöppel nennt es „einen Symmetriebruch in der Gleichförmigkeit des irdischen Seins“. Wenn das Erlebnis von besonders intensiven Gefühlen wie Lust, Schmerz, Angst und Trauer begleitet wird, kann sich ein einmaliges Ereignis unabhängig von Wiederholungen im Gehirn verankern. Manchmal für immer. Bildhaftigkeit und Sinnlichkeit: Selbstdefinierende Er- innerungen sind sehr lebhaft und detailreich. Sie drängen sich mit Macht in den Vordergrund unserer inneren „Leinwand“ und verdrängen weniger dramatische Gedanken oder Erinnerungen. Und weil sie oft an starke Sinnesreize wie Düfte, Melodien und Berührungen gekoppelt sind, können sie durch ähnliche Sinnesreize spontan ausgelöst werden. 

 

Selbstdefinierende Erinnerungen sind verdichtete und durch starke Emotionen betonte, oft durch Symbole angereicherte Episoden. Permanenz: Selbstdefinierte Erinnerungen tauchen immer wieder auf und begleiten uns in Gegenwart und Zukunft weiter. Sie sind wie Familienmitglieder, geliebte oder ungeliebte, die uns immer wieder besuchen und deren Anwesenheit immer wieder dieselben Gefühle in uns hervorruft. Und jede Wiederholung erleichtert die nächste, weil unser Gehirn immer festere Verknüpfungen bildet und bereits auf den geringsten Auslöser reagiert, um diese Erinnerung zu reproduzieren.

 

Assoziationen: Selbstdefinierende Erinnerungen kommen selten allein. Sie lösen andere, ähnliche Erinnerungen aus, mit denen zusammen sie eine Art Leitmotiv, eine Lebensmelodie bilden. Wir sammeln in unserem Erinnerungsalbum Szenen, die um die Erfüllung oder Frustration eines zentralen Wunsches angeordnet sind. Der Fundus unserer Erinnerung ist unglaublich groß. Für bestimmte Zwecke und mit entsprechender Konzentration können wir Unmengen von Einzelheiten und Details abrufen: Menschen, denen wir begegnet sind, Orte, die wir besucht haben, Meilensteine unserer Ausbildung, die Freunde die uns begleitet haben, und schließlich auch so alltägliche Daten wie Adressen, Telefonnummern oder PIN-Codes. 

 

Jede Erinnerung ist ein Unikat

All das leistet das autobiografische Gedächtnis, zählt also zu der Summe unserer Gedächtnisleistungen, die ausschließlich uns betreffen und die uns als einzigartige Person konstituieren. Jede Erinnerung ist eben ein Unikat. Mit der Erinnerung ist es ähnlich wie mit dem Tod. Jeder von uns beschäftigt sich damit und wir alle haben ganz individuelle Erinnerungen in unserem Gedächtnis abgespeichert. Andere Erinnerungen wiederum haben wir verdrängt und vielleicht sogar vergessen, und die Erinnerungen, die uns besonders beschäftigen, über die denken wir immer und immer wieder erneut nach.

 

Warum ist Erinnerungsarbeit für die Trauerbegleitung so wichtig? Laufen wir nicht in Gefahr, dass die Trauernden in der Trauer „stecken bleiben“? Eine wichtige Antwort darauf geben neuropsychologische Studien, die darauf hindeuten, dass episodisches Erinnern und episodisches Zukunftsdenken im Prinzip auf dasselbe „Zeitreise-Netzwerk“ im Gehirn zurückgreifen. Neben der Schaltzentrale des Gedächtnisses, dem Hippocampus, umfasst es unter anderem Regionen im Frontalhirn, im Schläfenlappen und visuelle Verarbeitungszentren im Hinterkopf. Das bedeutet im Umkehrschluss - nur wer sich erinnern kann, der kann auch wieder in die Zukunft schauen. Das ist eine nicht unbedeutende Fähigkeit, die es in der Trauerbegleitung herauszukitzeln gilt.

 

Autorin: Anemone Zeim, Vergiss Mein Nie


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