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Erinnerungen: Kann man besser loslassen, wenn man festhält?

 Foto: Rakicevic Nenad (Pexels)
Foto: Rakicevic Nenad (Pexels)

Sich zu erinnern, setzt Energie frei und macht glücklich.


Wie wäre es, wenn man diese Energie nehmen könnte und in ein Einmachglas stecken würde – damit man  ab und zu den Deckel hochheben und einen großen Zug Glücksgefühl nehmen kann?

 

Kreative Erinnerungsarbeit in der Trauerbegleitung

Hier liegt unser Ansatzpunkt in der Erinnerungsarbeit: Durch einen kreativen Ansatz werden die Erinnerungen alltagstauglicher gestaltet. Sie können mitgenommen werden ins neue Leben. Die persönliche Überlebensschuld in Form eines Schuhkartons voller Fotos des Verstorbenen starrt nicht mehr vorwurfsvoll unter dem Bett hervor. Es findet aber auch keine Verherrlichung statt. Eine gute kreative Erinnerungsarbeit nimmt die Erinnerung und bringt sie zurück in den Alltag, so dass sie ihre Schuld, ihren Schrecken verliert. Eine Erinnerung, die man sich zu eigen gemacht hat, zu einem Teil seiner eigenen Identität, wird im Trauerprozess vom Feind zum Freund.

 

Es geht keinesfalls darum das Leben des Verstorbenen „nachzuleben“ was eine große Gefahr in der ersten Trauerphase ist, die sich in einer großen Trennungsangst begründet. Sondern es geht darum, den Verlust zu akzeptieren (nicht: gutzuheißen) und anhand der Erinnerungsfragmente die eigene Identität neu zu sortieren. Das sowohl innerlich - als Trauerprozess, als auch äußerlich – indem man der Erinnerung eine Form gibt. Dadurch wird der Verstorbene zu einem Teil eines Selbst, zu einem leichtfüßigen Begleiter, der sich zwar nicht wie der Trauernde weiterentwickeln kann, aber dafür den Trauernden ergänzt.

 

Fotobuch a.k.a Fotoalbum

Die einfachste Form der kreativen Erinnerungsarbeit ist ein kommentiertes Fotobuch. Es bündelt verschiedenste Lebensausschnitte, ist aber nicht aufdringlich. Es kann weggelegt und vergessen werden. Es kann bei jedem Umzug mitgenommen werden. Man kann darin herumkritzeln und es überlebt auch einen zornigen Wurf an die Wand. Gleichzeitig lädt es über Jahre immer wieder zu Diskussion ein, zum Identitätsabgleich.

 

Es ist eine Assoziationshilfe, an der der Trauernde wachsen kann, besonders wenn die Kommentare von einer anderen Person, aus einer anderen Perspektive kommen. Es ist ein Gegenstand,  – der angstfrei mit den Emotionen in Diskurs geht und dabei den Verstand elegant umschlängelt.

 

Erinnerungen verschenken

Maikes Buch ist ein gutes Beispiel dafür. Maike ist als junge Mutter früh und schnell an Krebs gestorben, das hat ihre Familie und den Freundeskreis schwer traumatisiert. Ihre Kinder waren zwei und vier Jahre alt, sprangen bei der Beerdigung noch um den Sarg herum. Heute können sie sich daran nicht mehr bewusst an ihre Mutter erinnern. Mit etwa sieben Jahren werden diese frühen Erinnerungen an ihre Kindheit ganz verblassen. Und etwas viel Wichtigeres wird verschwinden: Ihre Identität mit ihrer Mutter. Erst mit vier Jahren bildet sich das „episodische Gedächtnis“ heraus, also jenes Erinnerungssystem, das es uns ermöglicht, Erlebtes in Gestalt von autobiografischen Szenen zu erinnern. In diesem Falle hat Maikes ganzer Freundeskreis seine Erinnerungsschatzkiste geöffnet und Bilder und Anekdoten zu einem Buch verfasst.

 

Das Ergebnis ist so energievoll und positiv aufgeladen, dass aus den anfangs geplanten drei Exemplaren 16 geworden sind. Jeder der Beteiligten hat - unabgesprochen - einen anderen Zeitraum mit Maike beschrieben. Und dadurch einen eigenen Trauerprozess durchlebt. Herausgekommen ist ein völlig subjektives Buch, das viele Wahrheiten widerspiegelt, den Kindern aber einen kaleidoskopartigen Blick auf die Lebensgeschichte der Mutter schenkt. 

 

Im Gespräch mit erwachsenen Halbwaisen fallen teilweise extrem emotionale Sätze, wenn wir von Maikes Projekt erzählen. Linda: „Ich war drei Jahre alt, als mein Vater starb. Jetzt bin ich 29. Für so ein Buch voller authentischer Erinnerungen würde ich alles geben, so gerne hätte ich das, so sehr fehlt mir diese Information in meinem Leben.“

 

Sich selbst suchen und finden

Der erste Schritt dazu ist die Bereitschaft in der Hektik des Alltags innezuhalten und alle Anforderungen und Zwänge für eine Zeitlang auszusetzen. Erinnerungen bewusst aufsteigen zu lassen und das Material, das sie liefern, kritisch zu prüfen. Das lässt sich beispielsweise durch das Betrachten von Fotoalben initiieren oder durch das Blättern in alten Fotoalben, Briefen und Tagebüchern. Sehr gute Impulsgeber sind auch Erbstücke und Souvenirs, eigentlich alles, was uns als wichtige Spur unserer eigenen Vergangenheit erscheint und uns vielleicht zu konkreteren, genaueren Erinnerungen führen kann. Die ergiebigste und zugleich subjektivste Quelle der Erinnerung ist natürlich der Austausch mit Menschen, mit denen wir unsere Erinnerungen teilen. Wie haben sie eine bestimmte Lebensphase, eine Krise, einen Wendepunkt oder ein glückliches Ereignis erlebt? Ergänzt ihre Darstellung unsere Erinnerung, widerspricht sie ihr?

 

Eine weitere Methode ist das antizipatorische Erinnern, wie zum Beispiel das Erinnerungskonzert „Das letzte Lied“. So eine Veranstaltung kann auch schnell langweilig werden, wenn es unpersönlich ist. Das Format "Das letzte Lied" schafft es aber auch durch den Perspektivenwechsel aus autobiografischen Bemerkungen und objektiven Beobachtungen ein Spannungsbogen zu erschaffen, der den Zuhörer an das fremde Leben fesselt.  

 

Die Konfrontation mit den eigenen selbstdefinierten Erinnerungen, mit Schlüsselerlebnissen – gerade mit Krisen und ungelösten Konflikten - wird produktiv, wenn wir so etwas wie eine Lehre, eine Moral aus der Episode ziehen können. Diese Fähigkeit, auch aus belastenden Erinnerungen einen Nutzen zu ziehen wächst in der bewussten Auseinandersetzung mit ihnen – und mit ihrer Betrachtung in einer längeren zeitlichen autobiografischen Perspektive. Um sich gezielter und bewusster und letztlich auch produktiver mit den eigenen Erinnerungen auseinandersetzen zu können müssen wir unserem autobiografischen Gedächtnis auf die Sprünge helfen.

 

Einatmen, ausatmen, erinnern

Es ist befreiend zu erfahren, dass man eine Vergangenheit besitzt und eine Geschichte hat. Trauern bedeutet, seine Identität neu zu sortieren. Das alte System ist gebrochen, wo wird der eigene Platz jetzt sein? Hier können die Erinnerungen helfen: Das Bewusstsein eines Menschen von sich selbst, seine innere Kontinuität zwischen Gestern und Heute entsteht aus dem Teil seiner Vergangenheit, den er erinnern kann. Das Tragische bei Demenz und Alzheimer ist ja auch eben nicht der Gedächtnisverlust an sich, sondern dass sich der Patient nicht mehr finden und bestätigen kann.

Damit verliert er sein Selbst und hat keinen Bezug mehr zum Anderen. Ein Trauernder befindet sich in einem ähnlichen Zustand. Ist der Trauernde an einem Punkt, wo er sich klar distanzieren kann, ist es Zeit für angewandte Erinnerungen und ihre Stimmungen.

 

Lebensenergie für die Zukunft

Ein Erinnerungsvorrat, der „Lebensenergie“ für die Zukunft liefert, steht im Mittelpunkt der kreativen Erinnerungsarbeit. Alle Erinnerungsstücke bekommen die Form von ihrer Geschichte, nicht von ihrem Gestalter. Das bedeutet, die Erinnerung bringt schon immer die Form mit, die sie braucht um in den Alltag des Trauernden integriert werden zu können. Ein Beispiel: Eine Schulklasse will nach dem Tod einer Mitschülerin etwas für die Geschwisterkinder und Eltern tun. Eine Lösung kann sein: Kein Baum, sondern die Erinnerungen mittels eines Buches sammeln und in den Kindern wachsen lassen.

 

Der erste Schritt der Erinnerungsarbeit in der Trauerbegleitung ist immer das bewertungsfreie Erinnern. Also im Gespräch, im kreativen Gestalten die Erinnerungen zuzulassen, dabei aber den direkten Vergleich von Vergangenheit und Gegenwart zu vermeiden. Der zweite Schritt ist es, sich ein persönliches Erinnerungsstück zu erstellen, das einen durch den eigenen Entwicklungsprozess begleitet und von dem man in schlechten Zeiten zehren kann.

 

Erinnerungen als Trauerhelfer

Im Moment ist es in Deutschland jedoch oftmals so, dass viele Angehörige und Hinterbliebene sich gar nicht trauen, über den Verstorbenen zu reden. Das kann daraus resultieren, dass der Hinterbliebene in seinem Leben nicht oft mit dem Thema „Tod und Sterben“ zu tun hatte und es einem die Gesellschaft in Europa auch nicht gerade einfach macht sich mit dem Thema im Guten auseinanderzusetzen.

 

Im Moment wird das Thema Tod und Trauer immer noch sehr stiefmütterlich behandelt, auch wenn die Gesellschaft sich hier im Umbruch befindet. Die Quereinsteiger in der Bestattungsbranche nehmen stetig zu: zum Glück sind auch innerhalb der Trauerszene viele schöne Ideen entstanden sich mit seiner Trauer und dem Thema Erinnerungen auseinander zusetzen.

 

 

Trauer hat eine Existenzberechtigung

Die Trauer ist, genau wie die Liebe, eines der tiefsten Gefühle, die ein Mensch für einen anderen Menschen empfinden kann. Um sich im Falle eines Verlustes (z.B. eines Menschen, einer Beziehung, der Heimat, der Gesundheit oder der Selbstständigkeit) psychisch damit auseinanderzusetzen ist die Erinnerung an die damit verbundenen Gefühle enorm wichtig. Erinnerungen können in einem Moment traurig machen, im nächsten verleihen sie dem Leben Herkunft und Sinn.

 

Autorin: Anemone Zeim, Vergiss Mein Nie


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