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Das Monster im Kopf – schlimme Erinnerungen in der Trauerarbeit

Foto: Josh Sorenson (Pexels)
Foto: Josh Sorenson (Pexels)

Wie ist das mit den schlimmen Erinnerungen?


Wie ist das mit den schlimmen Erinnerungen?, werden wir oft gefragt. Soll man ihnen nun eine Bühne geben, auch wenn es sich schmerzhaft anfühlt, oder sollte man den Trauernden davor schützen? Es ist nicht einfach zu beantworten. In der Trauerbegleitung ist es sicherlich wichtig, sich nicht nur der Harmonie hinzugeben, sondern auch über traumatische Erlebnisse, Wut und Konflikte zu sprechen. Dieser Prozess muss durchaus begleitet werden. Es sollte jemand da sein, mit dem man über bedrohliche Bilder sprechen kann. Insgesamt ist es ein guter Weg, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen.

 

Ob ein kreatives Erinnerungsstück für schlechte Erinnerungen geeignet ist bleibt der Situation überlassen. Vielleicht muss es eins sein, das die schlimmen Erinnerungen vereint und das man dann vergräbt, um sie einfach loszuwerden. Vielleicht stärkt der Trauerprozess aber auch soweit, dass man in der Lage ist, ein Album mit schlimmen Erinnerungen zu besitzen und sich damit auseinanderzusetzen.

 

Schuldgefühle und Aggressionen

Fakt ist, die Dauer, die Art der Trauer und sogar das Gelingen der Trauer hängt davon ab in welcher Weise die Konflikte zwischen Angehörigen und Verstorbenen stattgefunden haben. Die Schuldgefühle sind wesentlich geringer, wenn die Kommunikation zwischen beiden gut war, richtig Abschied genommen wurde und Probleme noch miteinander besprochen werden konnten.

 

Wenn die Schuldgefühle nicht zu stark sind, dehnt sich die Trauerperiode auch nicht unbegrenzt aus. Wer allerdings seine Probleme mit dem Verstorbenen vor dessen Tod nicht aufarbeiten kann, der wird sich nachher mit seinen Schuldgefühlen herumschlagen müssen, mit seinen Aggressionen, die noch den Toten betreffen und dem Verstorbenen gegenüber seltsam ins Leere gehen.

 

Das Konzept des "Wiederholungszwangs"

Aus der Psychotherapie gibt es in diesem Zusammenhang eine klare Ansage: Sigmund Freud entwickelte das Konzept des „Wiederholungszwanges“. Er verstand darunter die Tendenz eines Menschen immer wieder zu den Erinnerungen zurückzukehren, die negativ besetzt sind. Einen Grund dafür sah er darin, dass wir die ungelösten Konflikte, Enttäuschungen und nicht erreichten Ziele weiter „bearbeiten“ wollen: Immer wieder versuchen wir, auch weit zurückliegende Verletzungen und Niederlagen aufzuarbeiten und sie vielleicht doch noch zu überwinden oder wenigstens so zu interpretieren, dass wir damit leben können und sie uns nicht weiter behindern.

 

Alles, was wir haben, ist die Erinnerung

Diesen Faden nehmen heute vor allem die Psychologen auf, die sich der Analyse der „Lebenserzählungen“ in der narrativen Psychologie widmen. Weil die selbstdefinierenden Erinnerungen unsere Identität und unser Selbstbild sehr stark bestimmen und wie ein roter Faden eine Kontinuität in unserer Lebenserzählung erzeugen, lohnt es sich, sich bewusst und gezielt mit dem eigenen „Album“ an Erinnerungen auseinanderzusetzen – auch mit den weniger schönen. Alles, was wir erlebt haben, prägt sich uns ein. Die Fähigkeit des Erinnerns erlaubt uns, mit zeitlichem und emotionalem Abstand noch einmal auf uns selbst in einem Geschehen zu schauen. Es liegen unendliche Möglichkeiten der Erkenntnis darin verborgen. Was wir wirklich haben, ist Erinnerung. Was wir daraus machen, liegt bei uns.

 

Autorin: Anemone Zeim, Vergiss Mein Nie


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