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Stillstand ist der Tod - 5 Gefahren der Erinnerungsarbeit

Foto: Dominika Roseclay (Pexels)
Foto: Dominika Roseclay (Pexels)

Es gibt einen guten Zeitpunkt für Erinnerungsarbeit.


Die ideale Phase dafür beschreibt Hans Goldbrunner in „Trauer und Beziehung“ so: In der adaptiven Phase nähert sich der Trauernde wieder an die soziale Welt an. Ohne dass dadurch die verstorbene Person bedeutungslos wird. Dem Trauernden wird bewusst, dass mehr und mehr eine innere Distanz zum Verstorbenen aufbaut und den realen Verlust auch psychologisch als etwas Endgültiges annimmt. Gleichzeitig entwickelt sich die sichere Erkenntnis, dass vieles von ihm und an gemeinsamem Erleben „internalisiert“, ins Über-ich aufgenommen wird, wo es nicht mehr verloren gehen kann.“ Ich ergänze das noch mit: Und es geteilt werden kann.

 

"Erinnerungssarbeit bringt die sichere Erkenntnis, dass der Verstorbene eine bedeutende Erfahrung in der Vergangenheit repräsentierte, die unauslöschliche Spuren in der seelischen Gegenwart des Hinterbliebenen zurücklässt.“

(aus: Trauer & Beziehung, Hans Goldbrunner)

 

Erinnerungsarbeit in der falschen Phase kann aber auch gefährlich werden. Wir verstehen es als Verantwortung des Erinnerungsbegleiters, den für den Trauernden richtigen Zeitpunkt zu finden und genau zu wissen in welcher Trauerphase sich alle Beteiligten befinden. Die große Gefahr ist, in der Vergangenheit „hängenzubleiben“. Erinnerungen sollen immer prozessfördernd, als Auslöser für wiederkehrende Trennungserlebnisse wirken. Also immer wieder die Distanz zwischen dem Hier und dem Damals betonen. Ohne beides zu bewerten.

 

Die Arbeit mit Erinnerungen soll „Erinnerungsstück-Altare“ auflösen und die Erinnerungen in den Alltag integrieren. Erinnerungen sollen die Trauernden nicht wie Bleigewichte beschweren. Sie sollen sich eher wie ein spontaner Ausflug ins Ungewisse mit ein, zwei überraschenden Regenschauern anfühlen.

 

Wir sehen aktuell fünf große Gefahren, wenn man zu früh mit der Erinnerungsarbeit beginnt:


1. Gefahr der Selbstaufgabe und Realitätsflucht

Verena Kast schreibt dazu in „Trauer“: Akute Trauer ist ein Indiz dafür, dass die trauernde Person noch nicht sicher ist, ob mit dem realen Verlust nicht auch nicht die seelische Repräsentanz ausgelöscht wird. Die Internalisierung von Merkmalen des Verstorbenen gleicht dessen äußeren Verlust bis zu einem gewissen Grade aus und verstärkt somit das Gefühl der inneren Bindung und der Unabhängigkeit vom Verstorbenen. Dieses Phänomen lässt den Trauernden das Leben seines Verstorbenen weiterführen. Was aktiv klingt, ist in Wirklichkeit ein Zeichen für Stillstand, für Festklammern und nicht-wahrhaben- Wollen. Der Trauernde würde sich in jedem Erinnerungsstück, das als Prozessbegleiter gedacht ist, festkrallen.

 

 

2. Gefahr der Überreizung

Dazu kommt, dass der Trauernde in den Anfangsphasen zuviel inneren Lärm im Sinne von Wut und Ohnmacht spürt, um in sich selbst hineinhören oder sich gar spüren zu können. Trauer in dieser frühen empfindungslosen Phase ist eine Überwältigung von einem zu starken Gefühl, mit dem nicht umgegangen werden kann. Besonders bei frisch traumatisierten Menschen, die auf Geräusche, Gerüche und Situationen getriggert sind wäre es fatal eine Zeitreise, egal in welcher Form, anzubringen. 

 

 

3. Der Erinnerungsdruck

Die Autorin Barbara Pechl-Eberhard schreibt in ihrem Buch über ihren Eindruck der Beileidskarten, die nach dem Tode gerne verschickt werden mit dem Text: „Die Toten leben weiter in unserer Erinnerung“, dass vielen Trauernden dieser Spruch keine große Hilfe sei. Im Gegenteil, sie fühlen Druck und sehen sich sogar auf subtile Weise dafür verantwortlich gemacht, den Verstorbenen durch konstante Erinnerungsarbeit am Leben zu erhalten. Barbara Pechl-Eberhard nennt es „eine Art gedankliche Mund-zu-Mund- Beatmung“. In einem so frühen Stadium ist eine Erinnerungsarbeit eher mit Vorsicht zu genießen, wenn das Gefühl aufkommt, es könnte den Trauernden daran hindern, seinen eigenen Weg frei fortzusetzen, ohne allzu sehr auf die Vergangenheit zu schielen. Niemand lebt durch die Erinnerung weiter. Aber: wer nicht erinnert wird, ist für immer tot. Barbara Pechl-Eberhard nennt es „eine Art gedankliche Mund-zu-Mund- Beatmung“. In einem so frühen Stadium ist eine Erinnerungsarbeit eher mit Vorsicht zu genießen, wenn das Gefühl aufkommt, es könnte den Trauernden daran hindern, seinen eigenen Weg frei fortzusetzen, ohne allzu sehr auf die Vergangenheit zu schielen. Niemand lebt durch die Erinnerung weiter. Aber: wer nicht erinnert wird, ist für immer tot.

 

4. Die große Schuldfrage

Insbesondere bei länger anhaltender Trauer erinnert sich der Trauernde an vieles, was er mit dem Verstorbenen gemeinsam erlebt hat. An die unerfüllten Wünsche und Erwartungen, die noch realisierbar gewesen wären, wenn der Verstorbene noch leben würde. In der Fantasie werden Erinnerungen überbewertet erlebt. Angesichts der Tatsache, dass die Beziehung endgültig beendet ist, scheint die gemeinsame Vergangenheit alles zu vereinen, während das, was im Hier und Jetzt passiert, zur Bedeutungslosigkeit zusammenschrumpft. Im Gegensatz zur sinnentleerten Gegenwart, in der alle Beziehungen nur sinnvoll erscheinen, solange sie die Trauer unterstützen und nicht auf Normalität bestehen, erinnert sich der Trauernde noch einmal an die schönen gemeinsamen Stunden und erlebt sie vielleicht noch intensiver als sie in der Realität gewesen sind. Er fühlt sich schuldig weil er glaubt mehr erhalten als gegeben zu haben. Er malt sich innerlich nicht mehr realisierbare Zukunftspläne aus, die er mit dem Verstorbenen hätte gemeinsam realisieren können. Gleichzeitig lassen sich aggressive Gefühle beobachten. Er fühlt sich schuldig weil er glaubt mehr erhalten als gegeben zu haben. Er malt sich innerlich nicht mehr realisierbare Zukunftspläne aus, die er mit dem Verstorbenen hätte gemeinsam realisieren können. Gleichzeitig lassen sich aggressive Gefühle beobachten.

 

5. Uneinigkeit in der Erinnerung bei Paaren und Familien

Erinnerungen sind ein loses Gebilde aus Fakten und Fiktion. Sie sind immer subjektiv. Es kann also passieren, dass in der Gruppe zwei Trauernde sich über eine Erinnerung für ein und denselben Menschen uneins sind. Jeder weiß aus Erfahrung, wie sehr die Erinnerungen selbst einander nahestehender Menschen an dasselbe Ereignis divergieren. Aber das autobiografische Erinnern muss gar nicht die „wirklich wahre Geschichte“ sein. Es ist zunächst und vor allem eine sehr persönliche, intime Sache. Und dabei geht es letztlich um eine Form des Gefühlsmanagements mithilfe von Erinnerungen. Hier gelten natürlich beide Versionen. Das Leben ist ein Kaleidoskop aus Perspektiven. Dennoch: Sich zum richtigen Zeitpunkt an den Verstorbenen zu erinnern kann einen psychologisch wertvollen Teil der Trauerbewältigung darstellen und für das Verarbeiten der vorangegangen Ereignisse von großer Bedeutung sein.

 

Autorin: Anemone Zeim, Vergiss Mein Nie


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